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 Die Zukunft von Blues, Swing und Roots

Ausgerechnet an dem Abend, als die Musiklegend Chuck Berry im Alter von 90 Jahren starb, erreichte Osnabrücks Blues-Jahr 2017 seine vorläufigen Höhepunkt. Dennoch   präsentierte die 23. Osnabrücker Blueslawine im ausverkauften Haus der Jugend die Zukunft des Genres.

So ziemlich jeder kennt es, selbst wenn man mit Blues oder Rock ’n’ Roll rein gar nichts anfangen kann: Chuck Berrys legendäres Gitarrenriff von „Johnny B. Goode“, das man spätestens dann im Ohr hat, wenn man daran denkt, wie es Michael J. Fox im ersten Teil von „Zurück in die Zukunft“ spielt – und den Musiker zu diesem Meilenstein der Musikgeschichte zumindest im Film „inspiriert“.

Und vielleicht liegt es daran, dass Berry am 18. März 2017 verstirbt, aber rückblickend hat man das Gefühl, dieses Riff an diesem Abend in Zitaten gehört zu haben, als die Lisa Lystam Family Band zu einem ihrer zahlreichen Gitarrensoli ansetzt und kurz mit dessen Tönen spielt. Es hat aber mit Sicherheit jeden der heute anwesenden Musiker in seinen Anfangstagen auf die eine oder andere Art beeinflusst.

Die 23. Auflage des renommierten Osnabrücker Genre-Festivals Blueslawine findet vor 600 Gästen im Haus der Jugend statt und vermeldet abermals, ausverkauft zu sein. Dazu hat die Veranstaltungsgruppe „Bluesverstärker“, die die Lawine jährlich ins Rollen bringt, drei internationale Bluesrock-Bands und -Künstler eingeladen: die Lisa Lystam Family Band aus Schweden, den jungen Briten Laurence Jones und den amerikanischen Künstler James Armstrong, die jeweils mit Band auftreten.

 „Are you feeling the music?“, fragt Laurence Jones in der Mitte seines Sets und die rhetorische Frage steht wohl stellvertretend für die Blueslawine. Hier wird gefühlt. Das klingt natürlich furchtbar kitschig aber wer sich im prall gefüllten Saal umsieht, merkt, dass hier vor, auf und sicherlich auch hinter der Bühne gefühlt wird. Das Publikum nickt im Takt, hier und da wird getanzt und wenn möglich mitgesungen, auf der Bühne gehen die Musiker in ihren Soli auf.

Mit geschlossenen Augen und offenem Mund etwa, wie es die Lisa Lystam Family Band tut, auch wenn die schwedischen Musiker es mit ihren Soli an allen Instrumenten ein wenig übertreiben, dafür aber aus ihrem Konzert ein kleines Kammerspiel machen, wenn Lead-Gitarrist und Bühnen-Sidekick Fredrik Karlsson etwa während den Liebesliedern von Frontfrau Lisa Lystam versucht, sie mit seinen Gitarrensoli anzubaggern und Lystam ihn wiederum zappeln lässt. Die schwedische Gruppe vereint Blues- und Rootsrock und eröffnet den Abend, lässt sich mit der Zeit aber in immer belangloseren Soli gehen, die das Konzert unnötig strecken.

Nichts gegen Soli per sé – doch sie sollten keine bloße Angeberei, sondern songdienlich sein. Das hat jedenfalls Laurence Jones begriffen. In schwarz gekleidet und mit geschmackvoller Bühnenbeleuchtung legen Jones und seine Band eine virtuose Show hin, die klassischen und modernen Bluesrock kombiniert und Genre-Fans große Gitarrensoli bietet, die im Kontext der Kompositionen Sinn ergeben und sowohl Show als auch Song vorantreiben. Der 24-jährige Brite gilt als Bluesrock-Shooting-Star in seiner Heimat und beweist im Haus der Jugend auch, wieso. Die Songs der vierköpfigen Band sind modern und eingängig, die Riffs zackig und einprägsam.

Den langen Abend – die Bands spielen im Schnitt sportliche 70 bis 90 Minuten lange Konzerte – beschließt James Armstrong, der seinen Blues mit Jazz und Funk anreichert.

Die Blueslawine hat sich in den letzten Jahren zu einer wahren Genre-Institution auf nationaler Ebene entwickelt und ist dabei äußerst publikumsfreundlich geblieben: Sie bietet faire Ticketpreise für einen umfangreichen Konzertabend in einem nicht zu kleinen aber dennoch intimen Rahmen mit gefeierten Künstlern der Szene – davon kann sich so mancher Veranstalter eine Scheibe abschneiden.

Frederik Tebbe (20. März 2017, NOZ)